Volkstrauertag 2019

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Volkstrauertag 2019

Ansprache von Bürgermeister Sebastian Greiber zur zentralen Gedenkfeier der Gemeinde Wadgassen am Volkstrauertag, dem 17. November 2019

 

Liebe Frau Pfarrerin Lermen,
lieber Herr Pastor Leick,
liebe Vertreter von VDK (Rudi Stumm),
liebe Kameraden der Reservisten-Kameradschaft Differten
Sehr geehrter
Landesvorsitzende des Reservistenverband der Bundeswehr Herr Herr Stabsfeldwebel der Reserve Rudi Herrmann,

liebe Mitglieder der Wadgasser Feuerwehr aus den Löschbezirken der Gemeinde, liebe Kameradinnen und Kameraden des Roten Kreuzes,

Sehr geehrte Frau Ortsvorsteherin und die Herrn Ortsvorsteher der Wadgasser Ortsteile, Mitglieder des Gemeinderates liebe Mitglieder des Orchestervereins Wadgassen,

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
meine sehr geehrten Damen uns Herren,

 

jedes Jahr stehe ich vor der Herausforderung, für den heutigen Tag meine Rede vorzubereiten.

Zugegeben, die Vorbereitung zum Volkstrauertag gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Es ist ein schwieriges Thema – auch ein unangenehmes Thema.

Viel leichter fallen da sicher positive Reden vorzubereiten, z.B., wenn wir ein neues Gebäude eröffnen. Denn dann geht’s um ein gutes Signal für die Zukunft.

Um Hoffnung, Optimismus und Freude auf eine gute Zukunft.

Heute geht’s es um Vergangenheit.

Vergangenheit, die wehtut.

 

Denn der Volkstrauertag erinnert an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltbereitschaft und Gewaltherrschaft.

Hier vor Ort gedenken wir unseren Gefallenen beider Weltkriege und unseren Opfern des Nationalsozialismus hier in und aus Wadgassen.

Das ist sicher nichts Positives.

Noch mulmiger wird mir dann, wenn ich darüber nachdenke – ob vom heutigen Tag trotz all dem Leid und Tod der beiden Weltkriege, nicht wenigstens etwas positives übriggeblieben ist: Die Hoffnung.

 

Die Hoffnung, dass sich Menschenhass und Krieg hier und in der Welt nicht mehr wiederholen.

Das die Menschen, das Deutschland, das wir hier vor Ort – aus all dem Elend der beiden Weltkriege und den unzähligen Opfern gelernt haben.

Denn wir haben viele Lektionen erhalten:

 

Gefallene 1182 Väter, Brüder und Söhne unserer Gemeinde in den beiden Weltkriegen.

Die Angehörigen der Familien Nussbaum und Schwarz -unserer jüdischen Mitbürger, die nach Gurs oder Auschwitz deportiert und ermordet wurden.

Die politisch Verfolgten und die Opfer, die durch Euthanasie aufgrund einer lebens- und menschenverachtenden Ideologie mit ihrem Leben zahlten.

Das sind über 1.200 Lektionen, an die wir uns heute erinnern.

1200 getötete Mitbürgerinnen und Mitbürger, die uns davor mahnen, dass sich diese Geschichte nicht wiederholen darf – das ist die Hoffnung.

 

Aber die Hoffnung schwindet.

Nicht nur, weil politische Gruppierungen wie die AfD in Deutschland rechtes Gedankengut wieder salonfähig machen und in einigen Bundesländern erschreckende Wahlergebnisse damit einfahren.

Nein, weil sich auch die Methodik der Nazis schleichend wieder verbreitet – auch hier in unserer Gemeinde.

Oft wird hiervor abstrakt gemahnt und gewarnt und man hat manchmal das Gefühl, so schlimm wird schon nicht sein. Und irgendwie klingt das alles und ist der Osten auch weit weg.

„Und außerdem wird man ja mal noch was sagen dürfen.“

 

Ich möchte aber nicht abstrakt mahnen, sondern ganz konkret:

Beleidigungen und Diffamierungen – befeuert durch die gefühlte Distanz in den Sozialen Medien und im Internet – werden auch hier bei uns zum Stilmittel der Wahl – nicht nur in politischen Auseinandersetzungen.

Aber es trifft nicht nur Berufspolitiker auf Bundesebene.

„Dummschwätzer“ oder „Flachzange“ sind da noch die harmlosen Dinge, die ich mir hier vor Ort anhören darf.

Ohne Skrupel werden z.B. ganz konkret Künstler, die in Wadgassen auftreten als „niveaulos und Perverse“ beschimpft.

Man habe „hierfür nur noch Verachtung übrig“. Das „habe nichts mehr mit Kultur zu tun“ und unsere Mitbürger müssen sich als „geistige Tiefflieger“ beschimpfen lassen.

 

Mit gleichen Tönen begann 1937 in München die Ausstellung der „Entarteten Kunst“. So wurden beispielsweise die als „pervers-erotische Kunst“ bezeichneten Bücher von Rudolf Schlichter verboten und graphische Werke von ihm als „entartete Kunst“ angeprangert.

Ich erkenne erschreckende Parallelen – Sie auch?

 

Es ist dieses Denkschema und die Methodik sich selbst über andere zu erheben, die 1937 bei der Kunst und der Kunstfreiheit den Nährboden für den 2. Weltkrieg 1939 gelegt hat.

Das ist ein ganz konkretes und aktuelles Beispiel von vielen – aber nur ein Beispiel.

Und ähnliche Schemas und Methoden findet man auch an anderen Stellen:

Das Gegenüber der Lügen zu bezichtigen und die Wahrheit für sich zu pachten und zur Not mit neudeutsch „Fakenews“ zu untermauern – früher nannte man das „Propaganda“.

Insbesondere die Reden Hitlers waren gespickt mit außerordentlich aggressiven, diffamierenden und unflätigen Angriffen gegen politische Gegner.

 

Mich lässt das alles erschrecken.

 

Richard von Weizäcker hat gesagt:

„Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließe werde blind für die Gegenwart“,hielt er fest. „Lassen Sie sich nicht hintreiben gegen Hass und Feindschaft – gegen andere Menschen. Lernen Sie miteinander zu leben und nicht gegeneinander.“

 

Und damit gewinnt für mich der heutige Tag eine ganz andere Bedeutung. Nicht nur Vergangenheit.

Es geht heut auch um unsere Zukunft.

Und mein gnadenloser Optimismus motiviert mich, mit dem heutigen Gedenken und dieser Erkenntnis mit Ihnen allen eine bessere Zukunft zu gestalten.

 

Und dann ist sie wieder da: Die Hoffnung und Zuversicht in unsere Zukunft.

Das gibt mir Mut.

 

Und wir brauchen Mut zum Erinnern.
Wir haben die Verpflichtung niemals zu vergessen.

Und genau deshalb kommt Gedenktagen wie dem Volkstrauertag nach wie vor ein hoher und aktueller Stellenwert zu:

Ein Gedenken, das sich der Geschichte stellt und daraus Rückschlüsse zieht.

Sensibilisiert dafür, bedrohliche Entwicklungen oder die Verharmlosung von Sprache und Gewalt rechtzeitig zu erkennen;

Es sensibilisiert dafür, jeden Menschen zu achten, ungeachtet seiner Herkunft oder seiner Konfession oder seiner Sichtweise;

es sensibilisiert dafür, Frieden und Freiheit hoch zu schätzen und den Hilflosen und Verfolgten zu helfen.

 

Denn die 1200 Lektionen haben uns in Wadgassen gelehrt:

Wir lassen keinen Hass zu!

Wir wehren uns gegen Rechtsextremismus!

Wir dulden keinen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit!

Wir akzeptieren keine absurden Verschwörungstheorien!

 

Wir kämpfen für unsere streitbare und wehrhafte Demokratie und unsere freiheitliche demokratische Grundordnung.

Hier und heute – vielen Dank.

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