PERSON · PRAXISGESCHICHTE
Als mein Gesicht plötzlich log
Im Dezember 2025 wurde ich Opfer des ersten bekannten Video-Deepfakes eines Bürgermeisters in Deutschland. Was zunächst wie ein schlecht gemachter digitaler Angriff wirkte, stellte eine viel größere Frage: Was geschieht mit unserer Demokratie, wenn wir unseren eigenen Augen und Ohren nicht mehr trauen können?

„Da ist ein Video von dir im Umlauf.“
Als ich diesen Satz hörte, war ich zunächst nicht besonders beunruhigt. Ich hatte kurz zuvor tatsächlich ein Video aufgenommen. Darin ging es um die Sanierung unserer Gehwege in Wadgassen – ein kommunales Alltagsthema, über das ich die Bürgerinnen und Bürger informieren wollte.
Also antwortete ich sinngemäß: Natürlich gibt es ein Video von mir.
Doch im Laufe des Gesprächs merkte ich, dass wir nicht über dasselbe Video sprachen. Ich ließ es mir zeigen.
Auf dem Bildschirm sah ich mich selbst. Mein Gesicht. Meine Stimme. Meine Kleidung. Die Straße, in der ich zuvor tatsächlich gestanden hatte. Aber der Mann in diesem Video sagte Dinge, die ich nie gesagt hatte. Am Ende zeigte er den Mittelfinger in die Kamera.
Dieser Mann sah aus wie ich. Aber er war nicht ich.
VIDEO ZUM VORFALL
Mein Reel zum Deepfake
Der verstörende Moment, sich selbst bei einer Lüge zuzusehen
Es ist schwer zu beschreiben, wie es sich anfühlt, das eigene Gesicht bei einer Handlung zu beobachten, die nie stattgefunden hat. Ich war gleichzeitig sprachlos, irritiert und wütend.
Natürlich sah ich technische Schwächen. Ich beschäftige mich seit Jahren intensiv mit Digitalisierung und künstlicher Intelligenz. Ich experimentiere selbst mit KI-Werkzeugen, nutze sie für Texte, Bilder, Visualisierungen und Videos und kenne viele ihrer Möglichkeiten.
Wer mich persönlich kennt und das Video aufmerksam betrachtet, konnte Zweifel bekommen. Aber genau darin liegt eine gefährliche Verharmlosung: Menschen prüfen nicht jedes kurze Video technisch. Sie sehen es auf dem Smartphone, zwischen zwei Nachrichten, in einer WhatsApp-Gruppe oder unterwegs. Sie nehmen einen Eindruck wahr – und dieser Eindruck kann bleiben.
Das wurde mir durch eine kurze Begegnung besonders deutlich.
Während wir das Video im privaten Umfeld anschauten, blickte ein sechsjähriges Kind auf den Bildschirm. Seine spontane Reaktion lautete:
„Sebastian, was machst du denn da? Das ist der böse Finger. Den darf man nicht zeigen.“
Für dieses Kind war nicht eine künstlich erzeugte Figur zu sehen. Es sah mich.
Man kann einwenden, dass ein sechsjähriges Kind die technischen Möglichkeiten noch nicht einordnen kann. Aber wie viele Erwachsene können das zuverlässig? Wie viele Menschen halten beim schnellen Konsum eines Videos inne, suchen nach der Originalquelle und überprüfen Bild, Stimme und Kontext?
Die Antwort kennen wir alle.
Der erste bekannte Fall dieser Art
Nach unserer bisherigen bundesweiten Recherche war dies im Dezember 2025 der erste öffentlich bekannt gewordene Fall, in dem ein Bürgermeister in Deutschland selbst Opfer eines KI-generierten Video-Deepfakes wurde.
Es hatte zuvor bereits KI-generierte Bildmanipulationen gegen kommunale Amtsträger gegeben. Bei meinem Fall wurden jedoch mein bewegtes Abbild, meine Stimme und eine vollständig erfundene Handlung zu einem neuen Video zusammengesetzt.
Das manipulierte Video wurde von einem Ortsvorsteher unserer Gemeinde in einer WhatsApp-Gruppe weitergegeben. Dass er es verbreitet hat, ist öffentlich bestätigt. Wer das Video hergestellt hat und ob weitere Personen an seiner Erstellung beteiligt waren, ist dagegen nicht bewiesen. Deshalb trenne ich diese beiden Fragen sehr bewusst voneinander.
Ich habe Strafanzeige gestellt. Über den Ausgang eines solchen Verfahrens entscheide nicht ich, sondern die zuständigen Behörden. Für mich war trotzdem klar: Eine solche Grenzüberschreitung darf nicht einfach mit einem Schulterzucken abgetan werden.
Wer weiterleitet, übernimmt Verantwortung
Bei Deepfakes konzentriert sich die öffentliche Diskussion häufig auf die Urheber: Wer hat das Video erzeugt? Welche Software wurde eingesetzt? Wie lässt sich die Person ermitteln?
Diese Fragen sind wichtig. Sie dürfen aber eine zweite Verantwortung nicht verdecken.
Wer ein Deepfake weiterleitet, teilt nicht nur eine Datei. Er verbreitet eine erfundene Aussage über einen realen Menschen.
Ob eine Fälschung ihre schädliche Wirkung entfaltet, hängt nicht allein von ihrer Herstellung ab. Sie braucht Menschen, die sie verbreiten. Gerade Personen mit einem öffentlichen Amt oder besonderem Vertrauen müssen deshalb genauer hinsehen, bevor sie vermeintlich lustige, entlarvende oder empörende Inhalte weitergeben.
„Ich habe es nicht erstellt“ kann nicht das Ende der Verantwortung sein.
Auch eine vermeintlich private WhatsApp-Gruppe ist kein geschützter Raum, in dem digitale Manipulation folgenlos bleibt. Eine einzige Weiterleitung kann aus einem privaten Inhalt innerhalb weniger Sekunden eine öffentliche Angelegenheit machen. Herkunft, Empfängerkreis und tatsächliche Reichweite lassen sich anschließend kaum noch kontrollieren.
Warum ein kommunaler Deepfake besonders gefährlich ist
Bis zu diesem Vorfall hätte ich vermutet, dass persönliche Nähe einen gewissen Schutz bietet. Wadgassen ist mit rund 18.000 Einwohnerinnen und Einwohnern keine anonyme Großstadt. Viele Menschen kennen mich persönlich, begegnen mir beim Einkaufen, bei Vereinsveranstaltungen, in der Kita, auf Festen oder im Rathaus.
Heute sehe ich diese Nähe differenzierter.
Sie kann helfen, eine Manipulation schneller zu erkennen. Gleichzeitig kann sie ihre emotionale Wirkung verstärken. Wenn ein Video einen Menschen zeigt, den man tatsächlich kennt, erscheint es möglicherweise glaubwürdiger. Und wenn der Inhalt enttäuscht, verletzt oder provoziert, richtet sich dieses Gefühl nicht gegen eine entfernte Kunstfigur, sondern gegen den Nachbarn, Kollegen oder Bürgermeister.
Kommunalpolitik lebt stärker als jede andere politische Ebene von persönlichem Vertrauen. Hier begegnen sich Bürgerinnen, Bürger, Verwaltung und Politik unmittelbar. Genau dieses Vertrauen kann durch Deepfakes beschädigt werden.
Die großen überregionalen Medien können nicht jeden manipulierten Beitrag über jeden Bürgermeister, jede Beigeordnete oder jeden kommunalen Mandatsträger prüfen. Deshalb können Fälschungen auf lokaler Ebene wirken, bevor eine professionelle Einordnung überhaupt stattfindet.
Deepfakes sind damit nicht nur ein technisches Problem. Sie sind ein Angriff auf den sozialen Zusammenhalt einer Gemeinde.
Warum ich das Video selbst öffentlich gezeigt habe
Ich stand vor einer schwierigen Entscheidung: Sollte ich das manipulierte Video öffentlich zeigen und damit zwangsläufig zu seiner weiteren Verbreitung beitragen? Oder sollte ich schweigen und riskieren, dass es ohne Einordnung weitergeleitet wird?
Ich entschied mich für einen offensiven Umgang.
In meinem eigenen Reel zeigte ich einen kurzen Ausschnitt, kennzeichnete ihn aber sofort und unübersehbar als Fälschung. Ich erklärte, was passiert war, wo meine Grenzen liegen und weshalb es nicht um einen harmlosen Scherz geht.
Das Reel erzielte plattformübergreifend eine hohe Reichweite und führte zu vielen Kommentaren und Weiterleitungen. Vor allem aber erlebte ich eine breite Solidarisierung. Menschen mit sehr unterschiedlichen politischen Auffassungen sagten deutlich: So wollen wir nicht miteinander umgehen.
Diese Reaktion war wichtig. Sie zeigte, dass eine demokratische Gemeinschaft eine Grenze markieren kann. Hart in der Sache zu streiten gehört zur Demokratie. Bewusste Fälschungen, Diffamierungen und Angriffe unter der Gürtellinie gehören nicht dazu.
Ich wurde mit KI angegriffen – und glaube trotzdem an KI
Der Vorfall hat mich nicht zu einem Gegner künstlicher Intelligenz gemacht.
Im Gegenteil: Ich halte KI weiterhin für eines der wichtigsten Werkzeuge unserer Zeit. Sie kann Verwaltungen angesichts des Fachkräftemangels entlasten, komplexe Zusammenhänge verständlicher machen, Kommunikation verbessern und Beschäftigten mehr Zeit für Aufgaben geben, bei denen menschliches Urteil und persönliche Nähe unverzichtbar sind.
Wir haben in Wadgassen digitale Werkzeuge und KI bereits für Visualisierungen, Symbolbilder und die Kommunikation eingesetzt. Wenn solche Inhalte ganz oder teilweise künstlich erzeugt sind, müssen sie transparent gekennzeichnet werden.
Gute Werkzeuge können missbraucht werden. Daraus folgt nicht, dass wir auf die Werkzeuge verzichten sollten. Es folgt, dass wir Regeln, Schutzmechanismen und Kompetenzen benötigen.
Ich habe das im Interview mit Studierenden der TU Dortmund mit einem einfachen Bild beschrieben: Wir müssen lernen, uns beim Umgang mit KI anzuschnallen.
Ein Sicherheitsgurt verhindert nicht jeden Unfall. Aber er reduziert Risiken und ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Eine vergleichbare Selbstverständlichkeit brauchen wir bei der Prüfung und Kennzeichnung digitaler Inhalte.
Was Kommunen für den Ernstfall vorbereiten sollten
Mein Fall hat mir gezeigt, dass Kommunen nicht erst dann über Deepfakes nachdenken dürfen, wenn bereits eines im Umlauf ist. Sie brauchen einen einfachen Krisenprozess.
1. Beweise sichern
Die Originaldatei, Screenshots, Links, Zeitpunkte, Absender und bekannte Weiterleitungswege müssen unverändert dokumentiert werden. Dateien sollten zusätzlich mit einer digitalen Prüfsumme gesichert werden.
2. Nicht vorschnell spekulieren
Zwischen Herstellung und Verbreitung ist sauber zu unterscheiden. Eine politische oder persönliche Vermutung ersetzt keinen Beweis.
3. Schnell und eindeutig kommunizieren
Eine Fälschung muss über die eigenen verifizierten Kanäle klar benannt werden. Wird sie zur Aufklärung gezeigt, braucht sie unmittelbar eine unübersehbare Kennzeichnung wie „KI-MANIPULIERT – NICHT ECHT“.
4. Interne Verantwortung klären
Verwaltungsleitung, Pressestelle, IT, Datenschutz und gegebenenfalls Personalverantwortliche müssen wissen, wer im Ernstfall welche Aufgabe übernimmt.
5. Rechtliche Möglichkeiten prüfen
Je nach Fall können strafrechtliche, zivilrechtliche, dienstrechtliche oder arbeitsrechtliche Fragen berührt sein. Diese Bewertung gehört in professionelle Hände.
6. Plattformen und Verbreitungswege einbeziehen
Öffentlich zugängliche Inhalte sollten gemeldet werden. Bei Messenger-Diensten ist die Nachverfolgung schwieriger. Umso wichtiger sind gesicherte Screenshots und Originalnachrichten.
7. Nach dem Vorfall weiter aufklären
Krisenkommunikation endet nicht mit einem Dementi. Bürgerinnen und Bürger müssen erfahren, wie sie Originalquellen erkennen und verdächtige Inhalte überprüfen können.
Medienkompetenz ist demokratische Kompetenz
Wir werden Deepfakes nicht allein durch Wasserzeichen oder neue Gesetze verhindern. Beides kann helfen. Aber wer bewusst manipulieren will, wird versuchen, technische Kennzeichnungen zu entfernen und Regeln zu umgehen.
Deshalb brauchen wir zusätzlich eine breite gesellschaftliche Medienkompetenz. Sie gehört in Schulen, Ausbildungen, Hochschulen, Verwaltungen, Unternehmen und Vereine.
Die wichtigste Regel ist überraschend einfach: Wenn ein aufsehenerregender Inhalt nicht über eine nachvollziehbare Originalquelle verbreitet wird, sollten wir zunächst innehalten. Gibt es das Video auf dem offiziellen Kanal der betroffenen Person, der Gemeinde, der Behörde oder des Unternehmens? Passt die angebliche Aussage zu anderen verlässlichen Informationen? Berichten seriöse Quellen darüber?
Nicht alles sofort zu glauben, ist kein Ausdruck grundsätzlichen Misstrauens. Es ist eine notwendige Kulturtechnik in einer digitalen Gesellschaft.
Was von diesem Vorfall bleibt
Das Motiv hinter einer einzelnen Manipulation mag persönlich oder politisch sein. Die gesellschaftliche Wirkung reicht weiter.
Deepfakes gefährden den ehrlichen Austausch. Sie greifen die Glaubwürdigkeit realer Menschen an. Und sie beschädigen das Grundvertrauen, von dem demokratische Prozesse leben.
Der technische Fortschritt wird sich nicht zurückdrehen lassen – und das sollte er auch nicht. Wir müssen seine Chancen nutzen. Aber wir dürfen Verantwortung nicht an eine Software delegieren.
Wer Inhalte erzeugt, trägt Verantwortung. Wer sie verbreitet, trägt Verantwortung. Wer ein öffentliches Amt bekleidet, trägt eine besondere Verantwortung. Und Institutionen tragen die Verantwortung, Menschen auf neue Formen digitaler Manipulation vorzubereiten.
Mein Gesicht wurde benutzt, um eine Lüge zu erzählen. Meine Antwort darauf ist nicht Angst vor Technologie. Meine Antwort ist Aufklärung, Haltung und ein bewusster Umgang mit künstlicher Intelligenz.
Denn KI darf vieles verändern. Aber sie darf nicht darüber entscheiden, was wir einander noch glauben können.
Quellen und weiterführende Inhalte
- Mein Instagram-Reel zum Deepfake-Vorfall
- SR: Ärger um KI-Video in Wadgassen
- SR: Ortsvorsteher verweigert Sondersitzung
Hinweis zur Einordnung: Die Bezeichnung „erster bekannter Video-Deepfake eines Bürgermeisters in Deutschland“ bezieht sich auf die bislang öffentlich dokumentierten und bei der Recherche auffindbaren Fälle. Frühere KI-Manipulationen gegen Bürgermeister betrafen nach dem gegenwärtigen Recherchestand statische Bilder oder andere Formen der Identitätstäuschung.